Verbindungen, Korporationen, Burschenschaften auflösen
Studentische Verbindungen stellen zwar nicht alle den „gleichen Scheiß“ dar, sind aber auf Grund einiger grundlegender Merkmale öffentlich und unnachgiebig zu kritisieren. Über sie aufzuklären bleibt dabei solange aktuell, wie die aus der Kritik hervorgehende Forderung, studentische Verbindungen aufzulösen, nicht erfüllt ist.
Anlässe, die ein solches Statement immer wieder herausfordern, gibt es in und um Hessen genug: So fallen etwa der diesjährige Burschentag der Deutschen Burschenschaft (DB) auf der Wartburg und der Burschentag der Neuen Deutschen Burschenschaft (NDB) in Gießen auf dasselbe Wochenende im Juni.

Verbindende Verbände
Es gibt die unterschiedlichsten Verbindungen: Zu nennen wären hier die Landsmannschaften, die Corps, die Turner- und Sängerschaften, die konfessionellen Verbindungen und die Burschenschaften. Zusammenführende Elemente können etwa die Herkunftsregion oder die Religion sein, oder, wie im Fall der Burschenschaften, die politische Verortung.

Ausgefuxtes Organisationsprinzip
Neulinge in Studentenverbindungen, Füxe genannt, müssen sich in ihrer Anfangszeit beweisen und steigen erst nach einigen Semestern zum vollwertigen Mitglied der Gemeinschaft auf. Sich beweisen bedeutet innerhalb der Verbindung das Übernehmen von ungeliebten Aufgaben, die Teilnahme an exzessiven Trinkritualen oder auch nicht in allen Verbindungen – das Schlagen von Mensuren. Als vollwertiger Bursche übernimmt man Aufgaben in der Korporation und im Dachverband, nach Beendigung des Studiums bleibt man als Alter Herr für die Finanzierung der Häuser und die politische Ausrichtung der Studenten verantwortlich. Insgesamt grenzt sich diese Gemeinschaft vor allem zu besonderen Anlässen sichtbar durch das Tragen der Korporationsfarben an Mütze und Schärpe nach außen ab. Die korporierte Art des Zusammenlebens fördert Formen eines Verhaltens, dass sich am besten mit „Nach oben streben und nach unten treten“ beschreiben lässt.

Wir haben nichts gegen Frauen…
Frauen waren lange Zeit nicht zum Studium an deutschen Universitäten zugelassen. Auch aus diesem Grund gründeten sich Studentenverbindungen zunächst ausnahmslos als Männerbünde. Der in dieser Zeit geprägte Verhaltenskodex gründete sich auf Schlüsselbegriffe wie Ehre, Mut, Kameradschaft etc. Die Wahlsprüche der Korporationen spiegeln den direkten Bezug auf diesen Wertekanon auch heute noch wieder. Die Ablehnung all dessen, was als weiblich begriffen wurde und wird, findet sich im verbindungsstudentischen Verhaltenskodex wieder… sozial nicht zuletzt in der Übersetzung in die Form körperlich-männlicher
Härtetests und Tauglichkeitsprüfungen, wie der Mensur. Wenn auch die Mehrheit der Korporierten sich nicht mehr als Beweis ihrer Männlichkeit die Köpfe einschlagen, so wird die erdachte Untauglichkeit von Frauen für den Bund teils offensiv nach außen vertreten. So schreibt beispielsweise die Gothia et Baltia zu Kiel:
„Wir sind ein reiner Männerbund, weil wir meinen, dass durch eine aus beiden Geschlechtern bestehende Mitgliedschaft innere Konflikte entstehen können, die uns nicht helfen, unsere Ziele zu verwirklichen“. Vor dem Hintergrund dessen, dass sich Korporierte als gesellschaftliche Elite verstehen, erscheint dieses Denkmuster zusätzlich scheiße, denn wenn es nach ihnen geht, soll das Männerbundprinzip zum Leitbild in den politischen und wirtschaftlichen Führungsetagen werden.
Die Diskriminierung von Frauen macht sich aber nicht nur an der Nicht-Aufnahme von Frauen in Verbindungen fest. Zu kritisieren ist ebenso die dahinter stehende Ideologie des Biologismus. Denn die korporierte Vorstellung geht vom Dualismus der Geschlechter aus. Es wird also die Auffassung vertreten, es gebe abgesehen von körperlichen Unterschieden biologisch determinierte Gründe für die Unterteilung in die Kategorien Mann und Frau. Aus dieser Weltanschauung sind nur Männer dazu fähig, politisch und gesellschaftlich Einfluss zu nehmen. Das Argument „Aber es gibt doch auch Frauenverbindungen“ ist unserer Ansicht nach kein Indikator dafür, dass das Verbindungswesen in Bezug auf die Geschlechterordnung offen, oder ihre Organisationsform erstrebenswert wäre. Konservative Rollenbilder machen schließlich auch vor Frauen nicht halt.

Korporierte Grenzziehungen
Der Dachverband Deutsche Burschenschaft kann eindeutig als völkisch nationalistisch eingeordnet werden. Dieser hat unter anderem erhebliche Probleme damit, die heutigen Grenzen der BRD anzuerkennen. Die Burschenschaften in der DB sind es auch, die am ehesten öffentlich auf sich aufmerksam machen, in dem sie Holocaust-Leugner zu Vorträgen einladen oder sich aus ihren Reihen NPD-Abgeordnete rekrutieren. Obwohl sie mit ihrer rechtsradikalen politischen Ausrichtung nicht stellvertretend für alle Studentenverbindungen stehen, gibt es einige Beispiele, die zeigen, dass eine enge Zusammenarbeit mit rechtsradikalen Burschenschaften kein größeres weltanschauliches Problem darstellt: Der alljährliche Marktfrühschoppen in Marburg vereint die Marburger Verbindungen Bier trinkend auf dem Marktplatz. Nicht selten sind auch hier prominente Neonazis aus dem Verbindungsumfeld zu Gast. Im Convent deutscher Akademikerverbände (CDA) sitzen ebenso verschiedene Korporationen mit Mitgliedern der DB an einem Tisch.

Verbindungen kappen!
Die beschriebenen Elemente verbindungsstudentischer Theorie und Praxis – autoritäre Organisation, Sexismus, Leistungs- und Elitedenken, sowie Konservatismus bis hin zu neonazistischen Einstellungen – sind in verschiedener Form und Ausprägung auch in anderen gesellschaftlichen Gruppen zu finden etwa im Schützenverein, im Topmanagement oder der Bundeswehr und müssen aus diesem Grund unabhängig von der Organisationsform angegriffen werden. Jedoch begreifen sich die Verbindungen als existierende oder kommende (deutsche) Elite mit entsprechenden wirtschaftlichen Netzwerken. Korporationen sind also nicht mit einem beliebigen Taubenzüchterverein oder einer Fußballmannschaft zu vergleichen, vielmehr sind sie darauf aus, ihre konservativen und reaktionären Werte und Prinzipien in der Gesellschaft zu verankern. Deshalb ist es notwendig, ihnen und der Ideologie, für die sie stehen, entschlossen entgegenzutreten.

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